Die Augenpartie ist für die Wahrnehmung eines Gesichts der wichtigste Bereich. Auf die Augen blicken wir am meisten, wenn wir ein Gesicht betrachten, wir erkennen an ihnen, ob jemand freundlich oder ablehnend gegenüber uns eingestellt ist, ob er fröhlich, traurig oder ängstlich ist. "Das Auge ist das Fenster zur Seele", sagte Leonardo da Vinci. Der Wissenschaftler würde sagen, dass sich in der Augenpartie die emotionale Befindlichkeit eines Menschen besonders deutlich ausdrückt. Wichtig dabei sind jedoch nicht nur die Augen selbst, sondern auch die Augenbrauen. Durch geringfügige Muskelkontraktionen können wir ihre Position und Form beeinflussen und wirken z. B. grimmig (durch Zusammenziehen) oder neugierig und aufgeschlossen (durch Anheben).

Da die Augenpartie so viel über einen Menschen verrät, ist es nicht verwunderlich, dass sie die Gesichtspartie ist, die am meisten gestaltet und bewusst verändert wird. Augenbrauen werden durch Zupfen geformt, Wimpern getuscht oder verlängert und die Hautpartien um das Auge durch Make-up verändert. Aber den wohl größten Effekt hat das Tragen einer Brille bzw. das Weglassen einer Brille durch Kontaktlinsen oder nach einer Augenoperation (sogenannte refraktive Chirurgie). Und wenn wir möglichst wenig von uns preisgeben wollen, setzen wir eine Sonnenbrille auf. Deswegen bedeutet die Benutzung einer Sonnenbrille - im Gegensatz zu Wimperntusche, Kajal oder Lidschatten - weniger eine Steigerung der Attraktivität einer Augenpartie, sondern vielmehr das gezielte Verbergen des eigenen Gefühlszustands. Doch obwohl der Einfluss der Augenpartie auf die Wahrnehmung eines Gesichts und die Beurteilung einer Person völlig offensichtlich ist, gibt es dennoch kaum Untersuchungen, die sich mit der Rolle der Augenpartie für Attraktivität befassen.

Welche Augenbrauenform ist am attraktivsten?

Wir führten daher ein Experiment durch, bei dem wir untersuchten, wie sich die Veränderung der Augenbrauenform auf die Beurteilung der Attraktivität dieser Person auswirkt. Dazu veränderten wir bei sieben Frauengesichtern mit Hilfe von Morphing-Software experimentell die Augenbrauenform in drei Varianten.

Links: Bogenförmige Augenbrauen mit einem Maximum in der Brauenmitte.
Mitte: "Klassische" Brauenform, bei der die Brauen über zwei Drittel ansteigen und dann im äußeren Drittel der Braue abfallen.
Rechts: Tief liegende Brauen. Von der Form identisch mit den "klassischen" Brauen, jedoch nach unten verschoben.

Die erste Variante war eine bogenförmige Augenbraue mit einem Maximum in der Brauenmitte. In den 20er und 30er Jahren war diese Brauenform besonders populär. Ein Prototyp für eine Frau mit dieser Brauenform war Greta Garbo. Die zweite Variante ist die "klassische" Brauenform, bei der die Braue über zwei Drittel ansteigt und dann im äußeren Drittel der Braue abfällt. Bei der dritten Variante wurde die Form der zweiten Variante beibehalten, jedoch wurde sie nach unten verschoben. Diese tief liegenden Augenbrauen sind in den letzten Jahren insbesondere bei jungen Frauen immer häufiger zu finden.

Über 350 Versuchspersonen beiderlei Geschlechts im Alter von 12 bis 85 Jahren beurteilten von allen sieben Gesichtern die jeweils drei Variationen und gaben jeweils eine Rangreihenfolge der Attraktivität an.

 

Das Ergebnis: Insgesamt schnitten die Gesichter mit den klassischen Brauenformen (hoch liegend, zwei Drittel ansteigend, ein Drittel abfallend) am besten ab. Sie kamen bei allen Versuchspersonen an. Überraschender Nebeneffekt: Bei den beiden anderen Brauenformen hing es vom Alter der Beurteiler ab, welche Braue sie bevorzugten. Personen unter 30 Jahren fanden die tief liegenden Brauen klar attraktiver als die bogenförmigen - bei den Personen über 30 Jahren war es genau umgekehrt (Mann-Whitney-U-Tests, p < .05).

Diese Ergebnisse zeigen zweierlei: Zum einen hängt es manchmal auch vom Betrachter ab, was man als schön empfindet und was nicht, in diesem Fall von der Altersgruppe. Zum anderen deuten diese Querschnittsdaten (Vergleich verschiedener Altersklassen) darauf hin, dass sich bei den Augenbrauen das Schönheitsideal offensichtlich in einem Wandel befindet. Während jüngere Personen einem neueren Ideal (tief liegende Augenbrauen) anhängen, halten ältere Personen an einem älteren Ideal (bogenförmige Brauen) fest, einem Ideal, das verbreitet war, als sie selbst jung waren und das sie möglicherweise als Teenager verinnerlicht haben.

Zwei Top-Models auf dem Cover der Vogue. Gisele Bündchen (links) besitzt eine Brauenform nach dem "klassischen" Ideal (hoch liegend, zwei Drittel ansteigend und im äußeren Drittel abfallend), das bei allen Versuchspersonen gut ankommt. Bei Carmen Kass (rechts) erkennt man gut die tief liegenden Brauen, die vor allem von jungen Leuten bevorzugt und zunehmend populärer werden. Ältere Menschen finden diese Augenbrauenform jedoch eher unattraktiv.

 

Da Modetrends in der Regel von jungen Menschen gesetzt und gefördert werden, ist anzunehmen, dass sich in Zukunft das Ideal der tief liegenden Brauen zunehmend verbreiten und das Ideal der bogenförmigen Brauen zurück drängen wird. Ob es sich tatsächlich um einen Trend handelt, wird man jedoch erst mit Gewissheit sagen können, wenn man in einigen Jahren dieses Experiment wiederholt und sich die Verschiebung dieser Präferenzen bestätigt. Der Begriff "Trend" darf jedoch keineswegs falsch verstanden werden: Gemeint ist nicht das, was viele Mode- oder Frauenzeitschriften ihren Leserinnen als Trend weiszumachen versuchen ("In dieser Saison sind Lidschatten in der Farbe X angesagt"). Es handelt sich bei der Veränderung des Ideals vielmehr um eine extrem langsame Entwicklung, die vor mehreren Jahrzehnten begonnen hat und immer noch andauert.

"Jaguar-Augen" als Ideal?

Bei Modelgesichtern findet man in jüngster Zeit immer häufiger Augen, die so geschminkt sind, dass dadurch der optische Eindruck eines angehobenen äußeren Augenwinkels entsteht. Dadurch wirkt die Augachse etwas schräger stehend - eigentlich ein Merkmal wie es für asiatische Gesichter typisch ist. In den USA lassen sich Frauen inzwischen sogar vom plastischen Chirurgen ihre Augachsen operativ anschrägen, meist in Kombination mit einem so genannten Brauen-Lifting. Sind solche "Jaguar-Augen", wie sie im Jargon genannt werden, nur das Ideal einer kleinen Minderheit oder sind sie vielleicht auch in Deutschland mehrheitsfähig? Wirken solche Augen vielleicht nur exotischer (asiatischer) oder tatsächlich attraktiver?

Für die Attraktivität von leicht schrägen Augachsen spricht, dass dies ein typisches Jugendmerkmal ist, denn mit zunehmendem Alter erschlafft das Gewebe und der äußere Augenwinkel sackt mitsamt der Augenbraue seitlich ab. Bei älteren Menschen ist daher die Augachse häufig waagrecht, bei manchen fällt sie sogar nach außen hin ab. Dies konnten wir auch in einer eigenen Studie zeigen, bei der wir die Augenpartien von 60 Frauen im Alter von 15 bis 65 Jahren fotografierten und vermaßen. Je geringer das Alter des Auges, desto stärker war die Steigung der Augachse (r = -.61**).

Wie attraktiv "Jaguar-Augen" tatsächlich sind, überprüften wir mit einem Experiment: Dazu fertigten wir von sieben Frauengesichtern jeweils zwei Varianten an. Für die erste Variante rotierten wir mit Bildverarbeitungssoftware die Augen um fünf Grad, so dass die äußeren Augenwinkel dadurch angehoben wurden; die zweite Variante war das unveränderte Originalgesicht (= Kontrollbedingung). Alle sieben Bildpaare wurden 250 Versuchspersonen (15 bis 84 Jahre, beide Geschlechter) gezeigt. Sie sollten im Paarvergleich jeweils angeben, welches Gesicht ihnen besser gefiel.

Links: Gesicht mit normaler Augachse (= Kontrollbedingung).
Rechts: Gesicht mit um fünf Grad gedrehten Augachsen.

Das Ergebnis: Wie auch bei den Augenbrauen zeigte sich auch hier wieder ein Effekt des Alters der Beurteiler. Junge Versuchspersonen bis 19 Jahre fanden Gesichter Mit schräger Augachse attraktiver, ältere über 50 Jahre hingegen bevorzugten die Gesichter mit mehr horizontaler Augachse. Bei der Altergruppe von 20 bis 50 zeigte sich keine klare Vorliebe. Das Geschlecht der Befragten spielte dabei keine Rolle.

Das folgende Diagramm zeigt, wie häufig normale bzw. schräge Augachsen von welcher Altersklasse bevorzugt wurden (Ergebnisse für alle sieben Gesichter zusammengefasst, N = 1.750 Urteile):

Die nahe liegende Interpretation dieser Ergebnisse ist ähnlich wie bei unserem Experiment zu den Augenbrauen. Möglicherweise kündigt sich auch hier ein neuer Trend an, der von den ganz jungen Menschen (15 bis 19 Jahre) ausgeht. Sie bevorzugen die schrägen Augachsen. Die über 20jährigen hat diese Mode offenbar noch nicht erreicht. Auch hier gilt: Ob es tatsächlich ein Trend ist, lässt sich erst definitiv nachweisen, wenn sich bei einer Wiederholung des Experiments (z. B. in 10 Jahren) herausstellt, dass dieses Ideal dann von größeren Gruppe geteilt wird.

Gesichter mit normaler Augachse (links) werden von älteren Versuchspersonen (über 50 Jahre) bevorzugt, Gesichter mit leicht schräger Augachse hingegen von jungen Versuchspersonen (bis 19 Jahre).

Möglicherweise ist das Phänomen aber komplizierter als es auf den ersten Blick aussieht. Denn bei zwei von den sieben Gesichtern wurden auch von den Jungen Personen die schrägen Augachsen nicht als attraktiver empfunden (kein Unterschied zur normalen Augachse). Über die Gründe können wir nur mutmaßen. Vielleicht passt eine schräge Augachse nicht zu jedem Gesicht, vielleicht gibt es Wechselwirkungen mit der Form der Augenbrauen oder der Form des Gesichts.

Was folgt daraus für die plastische Chirurgie und die Praxis, den äußeren Augenwinkel operativ anzuheben?

  1. Wahrscheinlich gibt es nicht das perfekte Merkmal. Wie ein bestimmtes Merkmal wirkt (Augen, Nase, Mund) hängt immer auch vom Kontext des gesamten Gesichts ab. Diese Wechselwirkungen sind bislang praktisch nicht erforscht und nicht verstanden. Daher Vorsicht, bevor man sich unter's Messer legt.
  2. Bevor man ein vermeintliches Schönheitsideal bei sich umsetzt, sollte man erst einmal sicherstellen, dass es auch tatsächlich ein Schönheitsideal ist, dass sich also die Mehrheit der Bevölkerung darin einig ist, besonders dann wenn es kaum noch rückgängig zu machen ist (wie bei einer OP). Und wie die Bevölkerung empfindet, lässt sich nur durch repräsentative, empirische Untersuchungen feststellen. Die Meinung von Experten (wie plastischen Chirurgen) oder die Lektüre von Modezeitschriften ist kein Ersatz.
  3. Da Schönheit zum Teil eben auch vom Betrachter abhängt, sollte man sich selbst klarmachen, wem man eigentlich gefallen möchte. Eine 60jährige Frau, die sich bei einem Brauen-Lifting die äußeren Augenwinkel anheben lässt, steigert dadurch ihre Attraktivität - allerdings nur nach Ansicht junger Leute. Vermutlich ist es aber nicht ihre Absicht, 18jährigen Männern bessern zu gefallen, sondern wohl eher gleichaltrigen. Den Männern ihres Jahrgangs wird sie jedoch nach ihrer Operation mit schrägen Augachsen weniger gefallen.