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Taille-Hüfte-Verhältnis

Was ist das Geheimnis einer schönen Frauenfigur? Ist es tatsächlich das Verhältnis von Taille zu Hüfte - diese "Magic Number" von 0,7 - wie die Medien immer wieder berichten? In der Attraktivitätsforschung ist diese "Schönheitskonstante" in letzter Zeit etwas in Bedrängnis geraten und es mehren sich die Zweifel an dieser sicher geglaubten Wahrheit. So zeigen Studien, dass eine schmale Taille vor allem das Ideal in Industrienationen ist. Und selbst dort gibt es Unterschiede: Beispielsweise fand Grammer (1995) schon früh heraus, dass beim idealen Taille-Hüfte-Verhältnis auch zwischen Ländern wie Deutschland, USA und Japan erhebliche Unterschiede bestehen. Die Ergebnisse illustrierte er anschaulich, indem er Fotos von Schaufensterpuppen mit Morphing-Software so manipulierte, dass sie den Geschmack der jeweiligen Kultur abbildeten (Grammer, Signale der Liebe, S. 281ff).

Nachdem Beautycheck lange Zeit nur zur Attraktivität von Gesichtern geforscht hatte, haben wir uns nun auch dieses Themas angenommen - mit der systematischsten und umfangreichsten Untersuchung der Welt, nämlich 243 systematisch gemorphten Figurvarianten und über 34.000 befragten Versuchspersonen. Bei unseren Figur-Experimenten, an denen Sie online selbst teilnehmen können, können die Befragten bei der Einstellung ihres Figur-Ideals bei jedem Merkmal zwischen drei Ausprägungen wählen.

Zuerst ein Blick auf die bevorzugte Taillenweite. Wir haben dabei zusätzlich zwischen weiblichen und männlichen Beurteilern unterschieden:

Geschlechtsunterschiede (in Prozent) bei der Bevorzugung für die Taillenweite. Befragte Versuchspersonen: N = 34.015

 

bevorzugte Taillenweite

Gesamt

 

eng

mittel

weit

 

weibliche Beurteiler

63% (5,5)

32% (-7,0)

5,1% (-0,5)

100%

männliche Beurteiler

56% (-5,6)

38% (7,2)

5,3% (0,5)

100%

Gesamt

60%

35%

5,2%

100%


Chi-Quadrat (2, 34015) = 163,80, p <.001
Die Zahlen in Klammern sind so genannte standardisierte Residuen. Je größer ihr Wert (unabhängig vom Vorzeichen), desto größer ist der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Beurteilern. Im Detail: ≥2.0 oder ≤-2.0 à p < .05; ≥2.6 oder ≤-2.6 à p < .01; ≥3.3 oder ≤-3.3 à p < .001

Die Ergebnisse zeigen, dass die große Mehrheit der Befragten bei Frauenfiguren eine enge Taille bevorzugt. Eine weite Taille gilt offensichtlich als unattraktiv. Frauen ist dabei eine enge Taille dabei sogar noch wichtiger als Männern.

Bei der idealen Hüftbreite sind die Ergebnisse nicht ganz so eindeutig. Insgesamt wird mehrheitlich eine mittel breite Hüfte bevorzugt. Eine schmale Hüfte gilt als unattraktiver. Männer bevorzugen bei einer Frauenfigur tendenziell eine etwas schmalere Hüfte, Frauen hingegen eher eine etwas breitere (siehe folgende Tabelle!).

Geschlechtsunterschiede (in Prozent) bei der Bevorzugung für die Hüftbreite. Befragte Versuchspersonen: N = 34.015

 

bevorzugte Hüftbreite

Gesamt

 

schmal

mittel

breit

 

weibliche Beurteiler

18% (-4,3)

50% (-0,7)

32% (4,3)

100%

männliche Beurteiler

21% (4,4)

51% (0,7)

28% (-4,4)

100%

Gesamt

20%

50%

30%

100%


Chi-Quadrat (2, 34015) = 76,07, p <.001


Da Frauen im Vergleich zu Männern eine geringfügig schmalere Taille und eine geringfügig breitere Hüfte bevorzugen, überrascht es auch nicht, dass nach ihrem Geschmack eine ideale Frauenfigur ein etwas kleineres Taille-Hüfte-Verhältnis haben sollte als dies Männer bevorzugen. Der Effekt ist jedoch so klein (Effektgröße = -0,16, p < .001), dass er in der Praxis vernachlässigt werden kann.

Und welchen Wert muss das ideale Taille-Hüfte-Verhältnis nun haben? Ist es wirklich die so oft genannte Zahl von 0,7? In der Tat zeigt sich, dass das durchschnittliche Taille-Hüfte-Verhältnis (Waist-to-Hip Ratio, WHR) der ausgewählten Idealfigur fast perfekt mit 0,7 übereinstimmt (weibliche Beurteiler: 0,691 und männliche Beurteiler: 0,696). Doch Vorsicht! Dies ist nur ein Durchschnittswert. Unter den ausgewählten Idealfiguren befinden sich nämlich viele mit einem Wert deutlich darüber oder auch deutlich darunter. Das Ergebnis sagt nur dann etwas aus, wenn diejenigen Figuren, die am häufigsten als Ideal ausgewählt werden, eine WHR von 0,7 haben und gleichzeitig die anderen, die nur selten ausgewählt werden, einen Wert, der von 0,7 abweicht. Anders formuliert: Je näher dran an der 0,7, desto schöner sollte eine Frauenfigur sein.

Diese Hypothese lässt sich leicht mit einer Korrelation überprüfen. Diese beträgt r = -.28 (p < .01). Es stimmt also: Je kleiner die Abweichung (= Betrag) der WHR vom Wert 0,7, desto attraktiver ist die Figur; je größer die Abweichung, desto unattraktiver. Allerdings ist der Zusammenhang mit r = -.28 ziemlich schwach.

Beispiel: Eine Figur mit einer WHR von 0,76, die trotzdem hohe Attraktivitätsbewertungen erhält.

Ist es vielleicht gar nicht so wichtig, genau die 0,7 zu erreichen? Kommt es möglicherweise mehr darauf an, dass das Taille-Hüfte-Verhältnis möglichst klein ist? Die Alternativ-Hypothese "Je kleiner das Taille-Hüfte-Verhältnis, desto attraktiver" schneidet etwas besser ab (r = -.35, p < .01), doch auch dieser Effekt ist ziemlich klein. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass unter hoch attraktiven Frauenfiguren auch viele dabei sind, deren Taille-Hüfte-Verhältnis einen ganz anderen Wert als 0,7 hat und auch deutlich größer ist.

In einer weiteren Studie untersuchte Beautycheck, ob sich diese Ergebnisse wiederholen lassen, wenn man anstatt gemorphter Figurattrappen, mit "echten" Frauenfiguren arbeitet. Dazu fotografierten wir 100 Frauen im Bikini bzw. Badeanzug und vermaßen die Figuren sowohl mit einem Zentimetermaß an der Person direkt (Taillenumfang und Hüftumfang) als auch als Fotos am Computer anhand von sichtbaren Distanzen (sichtbare Taillenweite und sichtbare Hüftbreite). Die Tabelle fasst die Ergebnisse zusammen:

Der Zusammenhang zwischen Taille-Hüfte-Verhältnis und Attraktivität

Stimulusmaterial

Art der WHR-Messung

Korrelation von Attraktivität mit
WHR

Korrelation von Attraktivität mit
Differenz (Betrag) der WHR zum "Ideal" 0,7

gemorphte Figur-Attrappen (N = 243)

sichtbare Distanzen

-.35 (p < .01)

-.28 (p < .01)

fotografierte Frauenfiguren (N = 100)

sichtbare Distanzen

-.31 (p < .01)

-.31 (p < .01)

fotografierte Frauenfiguren (N = 100)

Umfänge

-.15 (n.s.)

-.17 (n.s.)

 

Die Ergebnisse mit den fotografierten Frauen waren praktisch dieselben wie bei der Untersuchung mit gemorphten Figur-Attrappen zuvor. Je näher das Taille-Hüfte-Verhältnis dem Wert 0,7 kommt, desto attraktiver ist die Figur. Das Gleiche gilt für die einfachere Hypothese: "Je kleiner die WHR, desto attraktiver die Figur". Der Effekt ist jedoch wiederum nur schwach (jeweils r = -.31, p < .01). Verwendet man anstatt des Quotienten aus sichtbaren Distanzen (sichtbare Taillenweite dividiert durch sichtbare Hüftbreite) den Quotienten aus Körperumfängen (Taillenumfang in Zentimetern dividiert durch Hüftumfang in Zentimetern), dann schrumpft der Effekt um die Hälfte zusammen und wird nicht mehr signifikant. Die sichtbaren Distanzen sagen also mehr aus als die gemessenen Körperumfänge an der realen Person, was zunächst manch einen überraschen mag. 3D ist eben doch nicht immer besser als 2D.

Die folgende Grafik illustriert den Zusammenhang von r = -.31 zwischen Taille-Hüfte-Verhältnis (Verhältnis sichtbarer Distanzen) und Attraktivität anhand von 100 fotografierten Frauenfiguren.

Daraus lassen sich drei Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Es gibt einen Zusammenhang zwischen WHR, aber er ist nur schwach und bei Weitem nicht so stark, wie dies in den Medien üblicherweise dargestellt wird.
  2. Die Aussage "Je kleiner die WHR, desto schöner die Figur" erklärt die Daten genauso gut wie die Aussage "Je kleiner die Abweichung der WHR zu 0,7, desto schöner die Figur". Aus diesem Grund ist der ersten Aussage der Vorzug zu geben, denn sie ist einfacher und kommt mit weniger Annahmen aus. Dies ist ein grundsätzliches Prinzip in der Wissenschaft, wonach von mehreren Theorien, die beide den gleichen Sachverhalt erklären, die einfachste vorzuziehen ist (= Occam's Razor).
  3. Die Umfänge von Taille und Hüfte (mit einem Zentimetermaß) zu messen, bringt nichts. Für Attraktivität ist entscheidend, was der Betrachter sieht. Daher führt das Vermessen von sichtbaren Distanzen auf Fotos zu aussagekräftigeren Ergebnissen. 3D ist also nicht immer besser als 2D. Eigentlich nicht überraschend, denn schließlich hat kein Betrachter Schwierigkeiten damit, anhand eines Fotos zu entscheiden, ob ihm eine Figur gefällt oder nicht - obwohl die Abbildung nur zweidimensional ist. Und außerdem können wir den Umfang eines Körpers ohnehin nicht wahrnehmen - außer durch Umarmen.

Es scheint also an der Zeit, die Hypothese von der 0,7 als ideales Verhältnis von Taille zu Hüfte als Grundlage einer schönen Frauenfigur auf ihr wahres Maß zurecht zu stutzen: Es gibt einen schwachen Zusammenhang, aber mehr auch nicht.

Und was ist mit der Tatsache, dass über Jahrzehnte die WHRs von Miss-Amerika-Gewinnerinnen und Playboy-Models konstant zwischen 0,68 und 0,72 lagen? Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dies als falsch. Tatsächlich schwankten die WHRs der Miss-Amerika-Siegerinnen in einem breiten Bereich zwischen 0,61 und 0,78. Lediglich 15 % hatten eine WHR zwischen 0,69 und 0,72 - die restlichen 85 % lagen außerhalb dieses Bereichs. Für Playboy-Models sind die Ergebnisse ähnlich.

Zudem ist das Taille-Hüfte-Verhältnis keineswegs eine Konstante: Die WHR der Miss-Amerika-Siegerinnen wurde im Laufe der Jahrzehnte kleiner (d. h. die Figuren kurvenreicher, r = .-55, p < .001), die WHR von Playboy-Models (die den Geschmack der männlichen Zielgruppe treffen sollen) hingegen wurde größer (d. h. weniger kurvig, r = .46, p < 001). Dies alles weisen die Forscher Freese und Meland (2002) minutiös in einem lesenswerten Artikel nach. Sie zeigen auf, dass selbst in renommierten Standardwerken der Attraktivitätsforschung (z. B. Etcoff, 2001, Nur die Schönsten überleben - Die Ästhetik des Menschen) oder Evolutionären Psychologie (z. B. Buss, 2004, Evolutionäre Psychologie) diese Daten falsch interpretiert und falsch zitiert werden.

Der Hauptgrund für dieses Missverständnis liegt darin, dass auch renommierte Forscher manchmal nicht so genau hinsehen - vielleicht weil sie auch gar nicht so genau hinsehen wollen, wenn ihnen die Ergebnisse in den Kram passen. Hier ließen sie sich von einem Durchschnittswert blenden. Aber der Durchschnitt sagt manchmal wenig aus - es kommt auch darauf an, wie die Werte verteilt sind.

Hinzu kommt, dass die Figurmaße von Schönheitsköniginnen oder Models ohnehin nur dann für Attraktivität von Bedeutung sind, wenn man nachweisen kann, dass sich diese Schönheiten in diesen Körpermaßen von einer Vergleichsgruppe weniger schöner Frauen unterscheiden. Dieser Nachweis wurde aber bei der WHR nicht erbracht. Angenommen, eine Gruppe von Schönheitsköniginnen hat im Durchschnitt eine WHR von 0,7 und eine Vergleichsgruppe von normal aussehenden (weniger attraktiven) Frauen hat ebenfalls eine durchschnittliche WHR von 0,7, dann sagt das Merkmal "WHR = 0,7" überhaupt nichts aus.

In einer weiteren Untersuchung überprüfte daher Beautycheck diese Möglichkeit. Wir ließen alle 22 Endrundenteilnehmerinnen der Miss-Germany-Wahl 2007 standardisiert fotografieren, vermaßen am Computer ihre Körper und verglichen diese Maße mit einer Kontrollgruppe von 29 Frauen der gleichen Altersgruppe. Das Ergebnis: Fast alle Körpermaße unterschieden sich erheblich, jedoch eines nicht, nämlich das Taille-Hüfte-Verhältnis. Die durchschnittliche WHR ist in beiden Gruppen exakt gleich (Miss-Germany-Models: 0,728; Normale Frauen: 0,727, p = .94 (n.s.)). Bei den Miss-Germany-Endrundenteilnehmerinnen reichte das Spektrum des Taille-Hüfte-Verhältnisses zudem von 0,67 bis 0,77. Die Missen hatten zwar aufgrund ihrer Schlankheit deutlich schmalere Taillen, aber auch zugleich deutlich schmalere Hüften als die "normalen" Frauen. Bei der Berechnung der WHR (Taille dividiert durch Hüfte) hob sich dies gegenseitig auf.

Die 22 Endrundenteilnehmerinnen der Miss-Germany-Wahl 2007, die sich für eine Untersuchung von Beautycheck standardisiert fotografieren ließen. Ob wie hier im langen Abendkleid, im Mini Dirndl oder im Badeanzug - Hauptsache eng anliegende Kleidung. Nur so kann das Taille-Hüft-Verhältnis richtig beurteilt werden. Bei den Finalistinnen liegt es meist bei 0,7 oder darunter. Ein langes Kleid wie hier liefert dem Betrachter zwar kaum noch Informationen über das Aussehen der Beine, dafür kaschiert es aber geschickt die Höhe der Absätze an den Schuhen. Die Beine wirken durch diese verschleierte "Schummelei" länger und die Kandidatinnen (noch) schlanker, als sie sind.

Die beiden linken Figuren sind Endrundenteilnehmerinnen der Miss-Germany-Wahl 2007. Die beiden rechten Figuren stammen aus der Vergleichsgruppe von normalen jungen Frauen. Alle vier Figuren haben ein Taille-Hüfte-Verhältnis von 0,71. Dass die Figuren gänzlich unterschiedlich wirken, ist auf andere Faktoren zurückzuführen, nicht auf die WHR.

Fazit: Ein bisschen was ist dran an der Theorie, wonach das ideale Verhältnis von Taille zu Hüfte bei einer Frau bei 0,7 liegen sollte. Aber der Zusammenhang ist schwach. Die 0,7 zu einer "Magic Number" aufzublasen und als unverrückbare Tatsache hinzustellen, wird der Wahrheit nicht gerecht. Dass genau dies in den Medien jedoch regelmäßig geschieht, zeigt vielmehr, wie groß offensichtlich das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen ist. Dabei ist es doch schon mit etwas gesundem Menschenverstand einleuchtend, dass man die Schönheit einer Frauenfigur nicht auf eine einzige Zahl reduzieren kann.

Vielmehr zeigen unsere Untersuchungen, dass für eine attraktive Frauenfigur weit mehr notwendig ist und dass es auf das Zusammenspiel zahlreicher Faktoren gleichzeitig ankommt. Mit unserer Schönheitsformel haben wir daher auch ein statistisches Modell entwickelt, das die Attraktivität einer Figur weitaus besser erklären kann.


Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn ("Sisi"): Ein niedriges Taille-Hüfte-Verhältnis galt seit der Renaissance als attraktiv, da es ein typisch weibliches Merkmal ist. Durch Kleidungsstücke wie Mieder oder Korsett wurde die Taille künstlich verkleinert und die Hüfte durch ein üppiges Kleid optisch vergrößert. Für das heutige Figurideal ist jedoch nicht ein möglichst kleiner Taille-Hüfte-Wert (bzw. ein Wert von 0,7) entscheidend, sondern eher eine schlanke Taille - die Hüftbreite ist zweitrangig.