Beauty-Quotient

Bei unseren Untersuchungen zur Attraktivität der Figur konnten wir wieder einmal zwei Phänomene beobachten, die wir von Gesichtern schon seit Jahren kennen und beschrieben haben:

  1. Versuchspersonen sind in Ihren Urteilen sehr streng und kritisch. Selbst Endrundenteilnehmerinnen einer Miss-Germany-Wahl und international tätige Top-Models kamen im Durchschnitt nur selten über ein "eher attraktiv" (Stufe 5 auf unserer 7er-Skala) hinaus.
  2. Die höchsten Attraktivitätswerte bekamen gemorphte Figuren und solche, die gezielt am Computer optimiert worden waren. Echte, unveränderte Frauenfiguren hatten gegen diese computeroptimierten Super-Attrappen keine Chance.

Ein Grund für die generell kritischen Bewertungen dürfte sein, dass die standardisierte Körperhaltung der Figuren (ganz frontal mit leicht abgespreizten Armen) nicht sonderlich sexy aussieht. Kein Model würde sich freiwillig so fotografieren lassen. Wir müssen jedoch die Figuren so standardisiert fotografieren, weil wir sonst die Figur anhand des Fotos nicht vermessen könnten.

Der wichtigere Grund ist jedoch sicherlich, dass die Beurteiler einem Figurideal anhängen, das äußerst unrealistisch ist. Sie bevorzugen beispielsweise einerseits Schlankheit oder gar extreme Schlankheit, andererseits jedoch einen mittelgroßen bis großen Busen. Da jedoch die weibliche Brust zum Großteil aus Fettgewebe besteht, ist die Kombination "sehr schlank und üppiger Busen" unmöglich (es sei denn, man hilft durch Schönheitsoperationen nach). Diese Tatsache führt dazu, dass gerade sehr schlanke Models schlechtere Attraktivitätsbewertungen erhalten. Eine weitere unrealistische, aber beliebte Kombination ist: "Üppiger Busen und schmale Hüfte". Eine schmale Hüfte ist ein typisch männliches Merkmal. Im richtigen Leben haben jedoch Frauen mit großem Busen tendenziell auch eine breitere Hüfte und Frauen mit schmaler Hüfte tendenziell einen kleineren Busen.

All diese Einschränkungen der Natur gelten jedoch für virtuelle Schönheit im Computer nicht. Dort ist alles machbar. Die Resultate dieser Tricks führen uns die Medien täglich vor Augen. Die Bilder dieser perfekten Frauenkörper sind jedoch nicht mehr natürlich, sondern stets mehr oder weniger stark am Computer nachbearbeitet und optimiert. Diesen Maßstab perfekter Schönheit legt die Bevölkerung daher generell bei der Beurteilung einer Figur an.

Dies erklärt, warum in unseren Untersuchungen gemorphte Figuren noch am ehesten die hohen Ansprüche der Bevölkerung erfüllen können, echte Menschen jedoch viel schlechter abschneiden.


Zwei virtuelle Vorbilder, die unser Figurideal beeinflussen. Mit der Barbiepuppe verinnerlichen seit nunmehr über einem halben Jahrhundert bereits kleine Mädchen das westliche Figurideal: Schlank und gleichzeitig sehr kurvenreich. Die Abbildung links zeigt die erste Barbie von 1959 (Foto: Mattel).
Rechts die Figur Lara Croft aus dem Computerspiel Tomb Raider. Auch wenn die Anmutung der beiden Damen komplett verschieden ist - an der Figur selbst hat sich kaum etwas geändert. Beide Figuren verkörpern ein völlig unrealistisches Ideal von extremer Schlankheit. Durch den zu proportional zu großen Busen und die extrem schmale Taille wirken beide Figuren dennoch kurvenreich und weiblich.

 

Konsequenzen für den Beauty-Test

Der Beauty-Test, den wir im Rahmen unserer Forschungen quasi als Nebenprodukt entwickelt haben, erfüllt zwei Funktionen:

  1. Er ermittelt einen objektiven Attraktivitätswert auf einer Skala von 1 (= sehr unattraktiv) bis 7 (= sehr attraktiv) nach dem vorherrschenden Schönheitsideal der Bevölkerung.
  2. Er ermöglicht eine Aussage, wie attraktiv eine bestimmte Figur im Vergleich zu anderen Figuren ist.

Zu Punkt 1: Dass die absoluten Attraktivitätsbewertungen der Befragten so gering ausfallen, können wir nicht ändern. So empfindet eben die Bevölkerung. Wenn diese mehrheitlich zu dem Urteil kommt, dass selbst die Figur einer Miss-Germany-Endrunden-Teilnehmerin nur "eher attraktiv" (Stufe 5 auf der Skala) ist, dann ist das eben so.

Zu Punkt 2: Bei der Frage, wie schön eine Figur im Vergleich zu anderen ist, macht es jedoch keinen Sinn, echte Menschen mit gemorphten Attrappen oder computeroptimierten Kunstprodukten zu vergleichen, die in der Realität ja gar nicht existieren. Das Vergleichen der Schönheit ist nur bei Figuren sinnvoll, die es auch wirklich gibt. Computeroptimierte Schönheit mag ein bestimmtes Ideal visualisieren, doch solche Figuren stehen außer Konkurrenz zu echten Menschen.

Die Lösung: Der Beauty-Quotient

Daher ermitteln wir zusätzlich zum absoluten Attraktivitätswert auch ein relatives Maß - den Beauty-Quotienten (BQ). Es ist ein Wert, der aus dem Attraktivitätswert berechnet wird und angibt, wie schön eine Figur im Vergleich zu anderen Figuren ist. Wichtig dabei: Der Vergleich findet nur zwischen echten, real existierenden Figuren statt. Virtuelle Schönheit wird dabei komplett ausgeblendet.

Die Berechnung des Beauty-Quotienten ist ein statistisches Standardverfahren (Details dazu unter Beauty-Quotient - Hintergrund), das genauso funktioniert wie die Berechnung eines Intelligenz-Quotienten (IQ). Die Skala, auf der der Beauty-Quotient gemessen ist, ist dabei so konstruiert, dass eine durchschnittlich attraktive Figur den Wert 100 hat. Die attraktivsten 2 % der Bevölkerung haben einen BQ von über 130 Punkten, die unattraktivsten einen BQ von unter 70 Punkten.

Die Beauty-Quotient-Skala trägt der tatsächlichen Verteilung von Schönheit in der Bevölkerung Rechnung. Wie die meisten menschlichen Eigenschaften ist Schönheit "normalverteilt", wie der Statistiker sagt. Das bedeutet: Die allermeisten Menschen haben eine mittelmäßige Attraktivität, je extremer die Ausprägung (Richtung hässlich oder Richtung schön), desto seltener tritt sie auf. Dies entspricht auch unserer Alltagserfahrung: Außerordentliche Schönheit ist sehr selten - außerordentliche Hässlichkeit jedoch zum Glück auch.

Details zur Berechnung des Beauty-Quotienten finden Sie unter Beauty-Quotient - Hintergrund.